Aktuelles » Kinderschutztagung 2011
„Alles muss raus!“ - mit diesen Worten führten Ilja Kamphues und Viktor Vössing vom Frankfurter Autorentheater die Teilnehmenden einer Kinderschutzfachtagung ohne Umwege mitten hinein in ein schwieriges Thema: Missbrauch. Sie versuchten aus der Perspektive der Opfer von sexueller Gewalt Worte zu finden, für das, was mit ihnen gemacht wurde und vermittelten eindrucksvoll, wie schwer dies für die Opfer ist. Manchmal bleibt es ein Leben lang unmöglich.
Kann ich durch Gewalterfahrungen traumatisierte Kinder und Jugendliche erkennen? Und wie gehe ich angemessen mit Ihnen um? Über diese Fragen haben dann gut 120 Teilnehmende an der Kinderschutzfachtagung nachgedacht. Dabei wurden sie anschaulich und außerordentlich kompetent von zwei Expertinnen der Traumapsychologie und Traumapädagogik in diese schwierige Thematik eingeführt: Dr. Marianne Rauwald, Leiterin des Instituts für Traumabearbeitung und Weiterbildung in Frankfurt informierte anhand anschaulicher Beispiele aus ihrer therapeutischen Praxis über Signale im Verhalten von Kindern und Jugendlichen, die auf eine mögliche Gewalterfahrung hindeuten können. Wilma Weiß, Fachleitung des Zentrums für Traumapädagogik in Hanau, vermittelte wissenschaftlich fundiert Handlungsmöglichkeiten, die den von Gewalt Betroffenen helfen können, sich trotz des erlebten Traumas von Objekten, denen Gewalt angetan wurde, wieder zu selbständig handelnden Subjekten ihres eigenen Lebens zu entwickeln. Dabei kam besonders deutlich noch einmal der Unterschied zwischen Therapie und Pädagogik zum Ausdruck: Therapie will beim Aufarbeiten des Erlebten helfen. Pädagogik hilft, neue Verhaltenstechniken im alltäglichen Leben zu erlernen. Den Teilnehmenden der Tagung, die aus ganz unterschiedlichen Arbeitsfeldern der Kinder- und Jugendarbeit zusammenkamen, wurden zahlreiche neue Ideen und Impulse für ihre eigene Arbeit mit Kindern und Jugendlichen vermittelt.

Eindrücke vom Frankfurter Autoren Theater:
"Alles muss raus": Ein Mann (Norbert Denefs) versucht sich darauf vorzubereiten, seiner Familie die sexuellen Missbrauchserlebnisse seiner Kindheit zu offenbaren. Das Stück von Wolfgang Spielvogel zeigte, wie zerstörerisch sexuelle Gewalt auf das gesamte weitere Leben eines Opfers wirkt.
"Sprachloses Kind": Auch der Frankfurter Schriftsteller Bodo Kirchhoff ist als Heranwachsender missbraucht worden. Er erklärt seinem 2010 im „Spiegel“ veröffentlichten Text sein ganzes schriftstellerisches Werk als die Anstrengung, das Unsagbare und unsagbar Beschämende öffentlich zu machen.
In vier Workshops gab es im Anschluss an die Fachvorträge die Möglichkeit, das Gehörte in Handlungsoptionen für das jeweilige Arbeitsfeld umzusetzen: Schule, Kirche und andere freie Träger, Berufsfelder aus dem Bereich der Medizin, Polizei, Justiz und Jugendhilfeeinrichtungen sowie schließlich überwiegend ehrenamtlich tätige Gruppenleitende aus Sportvereinen und Freizeiteinrichtungen diskutierten miteinander, wie sie Hilfestellungen für Traumatisierte bieten können ohne sich dabei selbst zu überfordern. In allen Arbeitsgruppen wurde eine stärkere Vernetzung gewünscht und es als besonders bereichernd angesehen, auf der Tagung kompetente und engagierte Menschen aus ganz anderen Arbeitsbereichen persönlich kennen zu lernen – entsprechend klar war die Forderung nach einer stärkeren Ausbildung von Netzwerken in den Regionen, die schnell und unbürokratisch in Verdachtsmomenten Hilfe für das eigene Handeln geben können. Als besonders hilfreich wurde hierzu die Zusammensetzung der veranstaltenden und teilnehmenden Organisationen gesehen, die in den alltäglichen Arbeitsvollzügen nur selten miteinander in Kontakt kommen, sich aber gegenseitig neue Blickrichtungen eröffnen und Lösungsansätze für die eigene Arbeit geben können.

Insgesamt gab es rund 120 Teilnehmende bei der Kinderschutzfachtagung.
„Weiter so“ wurde einhellig gewünscht nach einem bereichernden Tag, bei dem sich Menschen aus so verschiedenen Arbeitsbezügen, ganz egal ob sie dort haupt- oder ehrenamtlich tätig sind, und aus verschiedenen Altersgenerationen begegnet sind. Betroffene, denen teils unaussprechliches Leid zugefügt wurde, brauchen die volle Unterstützung von engagierten und einfühlsamen Menschen!
Die Tagung fand am 24.09.2011 im Wilhelm-Kempf-Haus in Wiesbaden-Naurod statt und war eine gemeinsame Veranstaltung von der Deutschen Kinderhilfe e.V., der Auerbach Stiftung, dem Verein Sicheres Netzt hilft e.V., dem Verein WEISSER RING Landesverband Hessen und der Evangelischen Kirche Hessen und Nassau.
(Pressemitteiung des Evang. Stadtjugendpfarramtes Wiesbaden)




